Presseberichte

Kreis ordnet deutlich weniger Tests an

Zahl der nicht diagnostizierten Corona-Infektionen könnte ansteigen / Strategiewechsel schlägt sich nieder


Sinkende Fallzahlen und Sieben-Tages-Inzidenz: In der Statistik des Landkreises Cloppenburg sieht alles nach Entspannung der Corona-Lage aus. Der Schein könnte aber trügen - denn: Es wird weniger getestet.

von Matthias Bänsch


Der Landkreis Cloppenburg war lange Zeit der Corona-Hotspot in Niedersachsen. Wochenlang wurden die landesweit höchsten Infektionszahlen vom Cloppenburger Gesundheitsamt gemeldet – doch seit Anfang Dezember scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Ausgerechnet in einer Phase, in der landes- und bundesweit die Zahlen in die Höhe schnellen, gehen sie hier wieder runter – und das in auffallend großen Schritten. Doch ob es sich um einen echten Rückgang beim Infektionsgeschehen im Kreis Cloppenburg handelt, ist fraglich. Denn auch die Zahl der durchgeführten Tests ist deutlich gesunken.Das hat eine Recherche von OMonline ergeben.

Während die aufgedeckten Fallzahlen zwar sinken, könnte die weitaus brisantere Dunkelziffer – also die Zahl der nicht diagnostizierten Infektionen – größer werden. Der Grund: Im Vergleich zum Vormonat ist die Zahl der vom Gesundheitsamt veranlassten Abstriche deutlich nach unten gegangen.

Grund dafür ist ein Wechsel in der Teststrategie, wie Kreissprecher Frank Beumker gegenüber OM online bestätigte. Bereits Mitte November hat das Robert-Koch-Institut neue Kriterien veröffentlicht, nach denen getestet werden soll. Ein Kriterium sind zu Beispiel „schwere respiratorische Symptome“ – Husten und Schnupfen reichen also nicht mehr aus um wie während der Sommermonate getestet zu werden. Anderes wichtiges Kriterium: Ein Abstrich wird nur bei engen Kontaktpersonen, die im selben Haushalt des Infizierten leben, veranlasst. Heißt: „Bei K1-Kontaktpersonen außerhalb des eigenen Haushalts wird nach der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts und der entsprechenden Allgemeinverfügung des Landkreises in der Regel kein Abstrich durch den Landkreis veranlasst“, bestätigt Kreissprecher Frank Beumker. Erst wenn eine dieser Kontaktpersonen außerhalb des Haushalts Symptome zeigt, werde ein Test veranlasst.

Das RKI hatte am 11. November mit dem Wechsel in der Teststrategie auf die beginnende Grippe- und Erkältungswelle reagiert. Während der Wintermonate ist laut RKI-Angaben bundesweit jede Woche mit bis zu fünf Millionen Menschen mit Erkältungssymptomen zu rechnen. Daher sei es unmöglich, alle diese Kranken auf das Coronavirus zu testen, erklärte des RKI. Tatsächlich liegt die weiterhin nahezu ausgereizte Kapazität aktuell bei 1,77 Millionen PCR-Tests pro Woche. Das berichtet der Berufsverband der Akkreditierten Medizinischen Labore (ALM) in Deutschland am 8. Dezember in einer Pressemitteilung.

Dieser Wechsel der Teststrategie schlägt sich auch in den Zahlen des Landkreises nieder. „Die Zahl der Abstriche durch den Landkreis Cloppenburg hat sich in den letzten Wochen durch die Änderung reduziert“, räumt Beumker ein.

Wie deutlich diese Reduzierung ist, zeigt ein Vergleich der ersten November-Woche mit der ersten Dezember-Woche. Während vom 2. bis 9. November im Testzentrum des Landkreises Cloppenburg und von den mobilen Teams des Cloppenburger Gesundheitsamtes 1486 Abstriche genommen und ins Labor geschickt wurden, waren es vom 2. bis 9. Dezember nur 491. Die berechtigte Frage: Weniger Tests, weniger Fälle?

Kreissprecher Frank Beumker verweist darauf, dass im Landkreis Cloppenburg nach wie vor „überdurchschnittlich viel getestet“ werde, jenseits der Zahlen des Gesundheitsamtes – „allein durch die ständigen Testungen in den Betrieben der Fleischwirtschaft, die zu den Testungen verpflichtet sind“, so Beumker. Außerdem habe der Landkreis angeordnet, dass Mitarbeiter in Alten- und Pflegeeinrichtungen zweimal die Woche mit einem Antigen-Schnelltest getestet werden. „Auch diese Strategie erhöht die Anzahl der Testungen“, so Beumker.

Im Landkreis Vechta ist die Zahl der Testungen hingegen nicht reduziert. Ganz im Gegenteil: Während im Vechtaer Testzentrum und von den mobilen Teams des Gesundheitsamtes vom 2. bis 9. November 841 Tests genommen wurden, sind es zwischen dem 2. und 9. Dezember sogar noch mehr gewesen – nämlich 1023. Das ergibt ebenfalls eine Anfrage an die Vechtaer Kreisverwaltung von OMonline. Dort sieht man offenbar auch einen Zusammenhang zwischen den Testzahlen und dem Umstand, dass nunmehr der Landkreis Vechta die niedersachsenweit höchste Sieben-Tages-Inzidenz meldet.


-------------

Meine Meinung

Dunkelziffer

von Matthias Bänsch


Rutschen wir jetzt ins Tal der Ahnungslosen? Der Landkreis Cloppenburg war und ist immer noch ein Hotspot – er hat zeitweise sogar bundesweit mit die höchsten Infektionszahlen gemeldet. Die Folgewaren (berechtigte) Einschränkungen und Allgemeinverfügungen. Die sind in jüngster Zeit aber nicht nachjustiert worden. Warum also ausgerechnet jetzt dieser deutliche Rückgang der Infektionszahlen? Dass zeitgleich die Zahl der Tests derart gedrosselt wurde, weckt Misstrauen. Das Cloppenburger Gesundheitsamt mag sich ja an die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes halten – das darf man aber auch den Kollegen des Vechtaer Gesundheitsamts unterstellen. Und dort ist das Test-Pensum offenbar sogar gestiegen. Können die Zahlen das tatsächliche Infektionsgeschehen im Kreis Cloppenburg so überhaupt abbilden? Eine steigende Dunkelziffer wäre (nicht nur im Kreis Cloppenburg) gefährlich – vor allem mit Blick auf die Todesfälle. Und diese Zahl ist in den vergangenen zwei Wochen auch im Landkreis Cloppenburg leider weiter deutlich angestiegen.


zum Bild:
Aktuelle Coronazahlen: In den Städten und Gemeinden gibt es Veränderungen. Foto: Münsterländische Tageszeitung.


Quelle:
Münsterländische Tageszeitung vom 14.12.2020.