Presseberichte

„Wir müssen unseren Verstand gebrauchen“

Bertholt Kerkhoff will Pfarrgemeinde sicher durch die Krise führen

Der Münsteraner Bischof Felix Genn hat den Löninger Pfarrer gerade für sechs weitere Jahre zum Dechanten ernannt. Kerkhoff hofft in dieser Zeit auch auf weniger „Störfeuer“ von außen.

Von Georg Meyer 

Die Weihnachtstage liegen hinter Ihnen. Waren Sie mit dem Ablauf zufrieden?

Ja. Inzwischen kann man davon ausgehen, dass die Feiertage in Löningen zu keinem größeren Corona-Ausbruch geführt haben. Unsere Sicherheitsmaßnahmen haben also gegriffen und das bei immerhin 26Gottesdiensten, die wir an Weihnachten anbieten konnten.

Wie finden Sie es eigentlich, dass die Politik christliche Feiertage als Anreiz zum Durchhalten auslobt? 

Ostern ist ja jetzt das neue Weihnachten... Weihnachten hat für dieMenschen eine hohe Bedeutung, allerdings nicht unbedingt aus liturgischen Gründen. Da geht es vor allem um Emotionen. Uns war wichtig, das Fest unter verantwortungsvollen Umständen zu feiern. Jetzt gilt es durchzuhalten.Unsere Bundeskanzlerin hat bereits darauf hingewiesen, dass nun acht bis zehn harte Wochen bevorstehen.

Wie bereiten Sie das neue Jahr vor? Werden Ereignisse wie Erstkommunion oder Firmung wie geplant stattfinden? 

Das hängt von der Pandemiesituation ab. Bisher möchten wir die Erstkommunion um den Weißen Sonntag herum durchführen. Voraussetzung ist aber, dass bis dahin wieder ein geregelter Schulbetrieb stattfindet.

Hätten Sie gedacht, dass Corona uns alle so lange beschäftigt? 

Nein, im vergangenen Frühjahr, also während des ersten Lockdowns, habe ich mich der Illusion hingegeben, dass das Virus bis zum Sommer im Griff ist. In Löningen ging es mit den Einschränkungen aber schon vor demHerbst sehr früh wieder los.Mittlerweile haben dieMenschen es über. Sorgen macht mir auch die Situation der Kinder und Jugendlichen. Sie sind bei all den wichtigen Maßnahmen zum Schutz der Älteren ein wenig aus dem Blick geraten. Und dann dürfte das dicke Ende auch wirtschaftlich gesehen erst noch kommen. Zurzeit ist die Lage also eher düster. Und das, obwohl es inzwischen einen Impfstoff gibt.

Tut die Kirche derzeit genug, um den Menschen auch psychisch zu helfen? 

Wir haben als Gemeinde versucht, kreative Wege zu gehen und uns auch auf Neuerungen eingelassen. Was mir besonders fehlt ist aber der unmittelbare Kontakt mit den Menschen. Ich kann zum Beispiel die älteren Senioren nicht wie normalerweise üblich an ihren Geburtstagen besuchen.

Im vergangenen Jahr haben 28 Löninger die katholische Kirche verlassen. Das klingt nach viel. Wo liegen die Gründe? 

Die Zahl ist hoch, das stimmt. In der Regel handelt es sich um Menschen, die sich schon seit Jahren von der Kirche entfernt haben, also nicht mehr aktiv am Gemeindeleben teilnahmen. Aber jeder Austritt schmerzt. Natürlich tragen die Fälle kirchlichen Missbrauchs und der unkluge Umgang damit, wie jüngst im Erzbistum Köln, dazu bei, die bestehenden Vorbehalte gegenüber der Kirche zu bestätigen. Ich kann aber auch nicht ausschließen, dass einzelne Ausgetretene lokale Gründe hatten. Deshalb schreibe ich jeden von ihnen anundlade zumGespräch ein. Die Reaktion ist aber immer gleich null.

Liegt es nicht auch daran, dass die Kirche selten ein stimmiges Bild abgibt? 

In Deutschland nehmen Pfarrer am Christopher Street Day teil, während in Polen Schwule und Lesben von der Kanzel aus verteufelt werden. Diese Ungleichzeitigkeit gibt es. Ich selbst finde es schlimm, in verurteilenden Kategorien zu denken. Es muss als Kirche doch möglich sein, die Familie als ein christlichesIdeal- bzw. Leitbild zu verkünden und zugleich tolerant gegenüber homosexuellen Paaren zu sein, die ihr Leben in und mit der Kirche gestalten möchten.

In den Pfarreien arbeiten immer mehr ausländische Priester, viele stammen aus Indien. Auch das kann zu Konflikten führen, etwa beim Frauenbild... 

Das betrifft aber nicht in erster Linie nur unsere indischen Mitbrüder. Es gibt auch deutsche Priester, die sich mit der Forderung vieler Frauen nach Gleichberechtigung in der Kirche schwertun. Entscheidend ist, dass wir alle – Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche – gesellschaftliche Realitäten zur Kenntnis nehmen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Besitzstandswahrung und das Steckenbleiben in vermeintlich ewigen Wahrheiten sind keinesfalls der richtige Weg.

Der biblische Moses gilt als vorbildlicher Führer, obwohl das Volk Israel 40 Jahre lang in der Wüste herumirrte. Er regelte nicht alles selbst, sondern war bereit, Verantwortung abzugeben. 

Ich denke, dass jeder Pfarrer gut beraten ist, einen kooperativen Leitungsstil zu pflegen. Entscheidend an ihrem Beispiel ist aber doch, dass Mose die ganze Zeit unterwegs war. Das müssen wir auch sein und dabei nicht darauf bestehen, die Wahrheit gepachtet zu haben.

So wie es derzeit viele CoronaLeugner tun? 

Die gibt es ja sogar innerhalb der Kirche, wofür ich überhaupt kein Verständnis habe. Krude Verschwörungstheorien sind für mich vollkommen indiskutabel. Wir haben unseren Verstand bekommen, um ihn zu benutzen. Und das sollten wir gemeinsam tun.

Foto: Gewiss ist nur die Ungewissheit: Welche Veranstaltungen die Pfarrgemeinde St. Vitus durchführen kann, hänge von der Corona-Situation ab, sagt Pfarrer Bertholt Kerkhoff. Fotos: Meyer

Foto: Sicher durch die Pandemie: Bertholt Kerkhoff trägt wie alle Mitarbeiter im Pfarrbüro eine Schutzmaske.

Quelle: Münsterländische Tageszeitung v. 16.01.2021