Presseberichte

Wachtum – das fünfte Viertel

Hitzige Diskussion zur Zugehörigkeit nach Gutachten im Jahr 1969

von Hermann Gerdes


Quinto quarto. Das Leben als fünftes Viertel, als mathematisches Dilemma, kann auch angenehm sein. Seit dem 1. März 1974 gehört Wachtum – manche setzen hier den Zusatz: wieder – zu Löningen. Aber die Diskussion um die damals östlichste Gemeinde im ehemaligen Kreis Meppen setzte schon vorher – vor genau 50 Jahren – ein.

Damals war Wachtum begehrt. Alles begann mit einem „Weber-Gutachten“. Von 4200 Gemeinden in Niedersachsen hatte die Hälfte weniger als 500 Einwohner. Das sollte nicht so bleiben. Die Weber-Kommission schlug 7000 Einwohner als Mindestgröße vor, Ausnahmen zulässig, aber nicht unter 5000 Einwohnern.

Während das Thema im Cloppenburgischen klein gehalten wurde – nur Lindern sollte mit Lastrup vereinigt werden –, gab es im Emsland strittige Diskussionen.

Schulzweckverband

In Lähden setzte der Streit um die richtige Größe und die Zuordnung der Kommunen früh ein. Holte-Lastrup (961 Einwohner) hatte sich schon 1962 vereinigt; Ahmsen (250) und Herßum (427) waren die kleinsten Dörfer dort, dazu kamen Vinnen (493) und Lähden (1274). Diese fünf Gemeinden bildeten zusammen mit Wachtum einen Schulzweckverband mit einer Hauptschule in Holte.

1969 war das Jahr des Streites, Lähden bekam den Namen und den Verwaltungssitz. aber im Dezember 1970 folgte die Einbringung des Gesetzes in den Landtag.

Aber schon in der Begründung des Gesetzes, das im Januar 1971 verabschiedet wurde, hieß es, dass die Gemeinde mit 3420 Einwohnern die Gebietsreform nicht überdauern werde. Wohin sollte es gehen?

Nach Herzlake tendierte die damalige Gemeinde Lähden nicht. Lähden selbst zog es nach Haselünne; Vinnen und Herßum hätten sich am liebsten nach Löningen orientiert; sie zwinkerten Löningen zu, hieß es. Und überliefert ist der Spruch eines Ahmsener Ratsmitgliedes: „In Hässelke (Anm. d. R.: gemeint ist Herzlake) bün ik noch nie wähn“.

Und dann war da ja noch Wachtum mit damals rund 600 Einwohnern. Die neue Gemeinde Lähden wollte mit Wachtum eine Samtgemeinde bilden.

Fass läuft über

In Wachtum war dieser Plan zwar umstritten, doch die Ratsmitglieder Johannes Kröger, als Bürgermeister sehr rührig, und vor allem August Schlagge kämpften um einen Verbleib im Emsland. Dann aber wollte der Meppener Kreistag mit einer 18:16-Entscheidung am 1. März 1972 eine Samtgemeinde Herzlake.

Jetzt lief den Wachtumern das Fass über. Es ging nach Löningen. Die Werbung aus der Hasestadt war nicht einmal nötig. Immerhin beschulte Löningen schon seit Jahren die Gymnasiasten aus Wachtum, um die sich im Kreis Meppen keiner gekümmert hatte. In Vinnen war es genauso. Auch Vinnen wollte nicht nach Herzlake. Es wurde hart gerungen, noch heute sind manche bösen Zitate überliefert. Aber Vinnen blieb bei Lähden. Das Gesetz zur Eingliederung von Wachtum nach Löningen wurde vorbereitet und trat am 1. März 1974 in Kraft.

Zum gleichen Zeitpunkt gab es die Samtgemeinde Herzlake aus den drei Gemeinden Lähden, Herzlake und Dohren.

Schritt nicht bereut

Die Bürger in Wachtum haben den politischen Anschluss an Löningen nicht bereut. Das Dorfgemeinschaftshaus wurde gebaut, die Grundschule erhalten; Wohnbaugebiete geschaffen.

Aber viele Kontakte bestehen nach wie vor in westlicher Richtung. Zusammen mit Ahmsen/Vinnen wurde eine Fußball-Spielgemeinschaft gebildet. Kirchlich gehörte Wachtum mal zum Bistum Münster (ab 1803 verlief die Grenze des Großherzogtums Oldenburg quer durch den Ort), ab 1860 dann zum Hannoverschen und kehrte 1929/30 mit dem Preußischen Konkordat zum Bistum Osnabrück zurück. Heute gehört Wachtum zur Pfarreiengemeinschaft „Miteinander“ mit Sitz in Holte-Lastrup. Dort fühlen sich die katholischen Gläubigen auch ausgesprochen wohl.


zum oberen Bild:
Bericht der Nordwest-Zeitung vom 25.01.2021.

zum zweiten Bild:
Die Wachtumer Kirche wurde vor 160 Jahren eingeweiht. Es war der erste Bau des rührigen Kirchenbauers Johann Bernhard Hensen aus Sögel. 1822 wurde die erste Schule in Wachtum gebaut. Foto: Hermann Gerdes.


Quelle:
Nordwest-Zeitung vom 25.01.2021.