Presseberichte

Vom Massensterben bei Helmighausen

109 Zwangsarbeiter auf Friedhof beigesetzt – Gedenkstätte in Holte-Stukenbrock geplant


Von unmenschlichen Verhältnissen, von roher Gewalt der deutschen Aufpasser gegen die sowjetischen Kriegsgefangenen, von Mord und täglichem Hunger wird beim Denkmal auf dem Ausländer-Friedhof in Helmighausen berichtet. Es ist eine der wenigen dieser Art, auf denen die sowjetischen Kriegsgefangenen mit Namen und persönlichen Daten verewigt sind. In Holte-Stukenbrock (Nordrhein-Westfalen, Landkreis Gütersloh) soll eine würdige Gedenkstätte mit nationaler Bedeutung entstehen.

Der Friedhof liegt einige hundert Meter nördlich der B 213. In Helmighausen liegen die Leichen von 109 jungen Männern, gestorben vor allem im Winter 1941, an Entbehrungen und Seuchen, ermordet oder verhungert.

Arbeiter „bestellt“

Im Juli 1941 gab es erhebliche deutsche Wehrmachtsverluste. Dem Arbeitsmarkt fehlten Leute. So wurden Hunderttausende gefangene Rotarmisten aus der Sowjetunion nach Deutschland deportiert. Damals sollten die Firmen Helmus und Conradi die Reichsstraße 213 – die heutige B 213 – zu einer Hauptmilitärstraße ausbauen. Die Straße von Delmenhorst bis in die Niederlande war vorher nur ein 4,70 Meter breiter Sommerweg und eine einspurige – vier Meter breit gepflasterte – Fahrbahn. Neben Benstrup II wurde im Juli 1941 das Lager Helmighausen II eingerichtet.

Helmighausen bot die besten Voraussetzungen für die Zwecke der Nazis – der Ort war direkt an der Bahn und an wichtigen Straße gelegen, aber entfernt von großen Siedlungen und nicht einsehbar. In der Nähe wurde gar ein Flugplatz angelegt – als Attrappe. Die britischen Bomberverbände sollten getäuscht werden und flogen tatsächliche Angriffe.

Die Menschen seien, als sie am Helmighauser Bahnhof ankamen, in einem erbärmlichen Zustand gewesen, einige mussten mitgeschleppt werden. Die Bewacher gingen nicht sanft mit ihnen um. Sofort begann ein Massensterben.

Wer die Ankunft überlebte, hatte harte unmenschliche Arbeit vor sich: Sand verteilen, Steine von Hand abladen und schleppen. Mittags erhielten die Deutschen Rationen für Schwerarbeiter, die Russen etwas Wasser, eine Schnitte Brot und ein paar rohe Kartoffeln oder einige Rübenschnitzel. Abends gab es dann eine dünne Suppe. Völlig entkräftet waren die Männer, sie litten ständig an Hunger. Über 200 von ihnen sollen in den Baracken gelebt haben.

Unvorstellbares Leid

Es herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse, ausreichende Verpflegung fehlte. Es gab kein Geld, keine Post, keine Briefe. Die Bewacher waren unbarmherzig. Andrei Emeljanow sah abseits der Straße eine Rübe auf einem Feld. Als er sie holen wollte, schoss der Wachmann ihm in den Hals. Sein Bruder Dimitri Emeljanow wollte dem schreienden Bruder helfen. Er wurde mit einem Schuss am 29. Januar 1942 – das ist auf der Liste der Toten in Helmighausen zu lesen – verwundet. Vier Tage später starb er nach schwerem Leiden und ohne Hilfe.

Im Sommer 1942 war die Straße fertig. Die Baracken wurden abgebrochen, die Gefangenen abgezogen. Auf dem „Klockflach“, so die Flurbezeichnung, blieben über 100 Tote zurück. Anfangs kümmerte sich das Dorf um den Friedhof, dann der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. So erhielten die 107 toten sowjetischen und zwei polnischen Gefangenen wenigstens einen Namen.


Was dazu noch wichtig ist

Fast drei Millionen Rotarmisten sterben


Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, galten in der Sowjetunion lange als Feiglinge und Volksverräter. Diese Diskriminierung wurde erst 1995 beendet.

Bis Ende 1941 waren schon 1,4 Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Gefangenschaft gestorben, weil sie geschwächt waren, aber auch oft gequält wurden.

Mehr als 100 Durchgangs- und Stammlager gab es. Von dort brachte die Wehrmacht die schon ausgemergelten Soldaten ins Reichsgebiet zum Arbeitseinsatz. Das Unrecht geschah nicht im Verborgenen. Die Deutschen wurden propagandistisch vorbereitet. Im Juli 1941, als die Gefangenen auch in Helmighausen ankamen, berichtete eine Zeitung über „bolschewistische Untermenschen“. Es handele sich um „das Primitivste und Niedrigste, das zur weißen Rasse gehört“.

Heute ist klar: das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen gehört zu den größten Verbrechen der deutschen Wehrmacht, 5,7 Millionen Rotarmisten kamen in deutsche Gefangenschaft, rund drei Millionen von ihnen starben. Damit sind sie nach den Juden die zweitgrößte Opfergruppe des Vernichtungskrieges der Nationalsozialisten.

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck prägte 70 Jahre nach Kriegsende den Begriff des „Erinnerungsschattens“. Das war in Stukenbrock. In der Nähe davon soll jetzt in Holte-Stukenbrock, Nordrhein-Westfalen, Kreis Gütersloh, eine nationale Gedenkstätte entstehen.


zum oberen Bild:
Bericht der Nordwest-Zeitung vom 03.02.2021.

zum zweiten Bild:
109 junge Männer haben auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden. Foto: Hermann Gerdes.

zum dritten Bild:
Die Gedenktafel erinnert an die Kriegsgefangenen, die in Helmighausen ihr Leben ließen. Foto: Hermann Gerdes.


Quelle:
Nordwest-Zeitung vom 03.02.2021.