Presseberichte

„Manchmal hab ich richtig Bock zum Feiern“

Jugendtreffleiterin Marika Schadwinkel kann sich gut in die Gefühlswelt von Jugendlichen hineinversetzen

von Georg Meyer


Ein Gespräch ohne das leidige Thema Corona zu beginnen, ist in diesen Tagen fast unmöglich. Auch Marika Schadwinkel kommt nicht drumherum. Ihr Arbeitsplatz, der Löninger Jugendtreff, erinnert derzeit an einen Hochsicherheitstrakt. Es gibt getrennte Ein- und Ausgänge. Gelbe Pfeile markieren die Laufwege auf den Fluren. Immerhin: Kinder und Jugendliche dürfen wieder kommen, wenn auch in begrenzter Anzahl und nur angemeldet. „Die freuen sich einen Ast ab, wenn sie sich sehen“, berichtet die Jugendpflegerin.

Im vergangenen Juli hatte die 24-Jährige die Stelle übernommen. Der Treff war damals trotz niedriger Infektionszahlen geschlossen und Schadwinkel nutzte die freie Zeit, um mit der Renovierung zu beginnen. Nicht wenige Jugendliche halfen mit, sodass „die Neue“ ihr Kernklientel gleich näher kennenlernte. Das förmliche „Sie“ trieb sie den jungen Leuten als Erstes aus. „Ich möchte ihnen auf Augenhöhe begegnen“. Der Umgang sei auch so „total respektvoll“ und die Jungen machen zu ihrer kleinen Überraschung genausowenig Probleme wie die Mädchen.

Mit Letzteren kennt sich die gebürtige Kettenkamperin besonders gut aus. In Quakenbrück hat sie bereits einen Mädchentreff etabliert und auch mit Migrantinnen und jungen Müttern gearbeitet. Weil die Projekte jeweils zeitlich begrenzt blieben, suchte die Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin nach einer festen Anstellung. In Löningen gefällt es ihr sehr gut. Gerade bringt sie das neue Jugendparlament an den Start. Sie hatte dafür mehr als 1400 Jugendliche und junge Erwachsene angeschrieben. 32 meldeten sich zurück. Sie werden demnächst aktiv in der Ratsarbeit mitmischen. „Viele Jugendliche wissen gar nicht, dass auch sie ein Recht auf politische Beteiligung haben“.

Häufig hätten die Pubertierenden auch keine Ahnung, was eigentlich in ihnen stecke. Die Folge: konsumieren, statt probieren. Marika Schadwinkel erlebt das immer wieder. „Wenn ich Jugendliche frage, was sie gut können, bekomme ich oft keine Antwort.“ Statt sie zu bespaßen, möchte sie ihnen deshalb Orientierung geben. Um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, braucht es aber Zeit. „Wegen Corona geht jetzt unfassbar viel verloren“, bedauert die Jugendpflegerin. Sie, die selbst behütet aufwuchs, mag sich kaum vorstellen, was sich derzeit in manchen Familien abspielt.

Dass sie einmal beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben würde, zeichnete sich bei Marika schon früh ab. In der Oberstufe begleitete sie zwei Jahre lang ein Grundschulkind aus einer sozialschwachen Familie. „Kurz vor dem Abi hatten dann plötzlich alle irgendetwas für danach. Nur ich nicht.“ Sie entschied sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Tagesbildungsstätte für geistig behinderte Kinder. „Dort habe ich sehr viel gelernt und mich auch als Persönlichkeit weiterentwickelt.“ Zwar hatte sie auch einen Studienplatz in Forstwirtschaft ergattert. Wirklich vorstellen konnte sie sich ein Leben im Wald aber dann doch nicht. Ihre beiden Studiengänge zog sie schnell durch und stürzte sich dann direkt in die Arbeit.

Mit ihren 24 Jahren sei sie noch sehr nah dran am Alltag der Jugendlichen, findet Marika. Dass die sich kaum treffen und schon gar nicht miteinander feiern dürfen, macht sie traurig. „Ich war damals ja an jedem Wochenende unterwegs.“ Sie glaubt, nach Corona weniger Bilder von jungen Leuten zu sehen, die ihre Freizeit am liebsten vor dem Smartphone verbringen. Allerdings weiß sie um den Suchtfaktor von Apps wie Youtube und TikTok. Sie hat die Videoplattform selbst ausprobiert und blieb stundenlang kleben. „Da muss man wirklich aufpassen.“

Sich auf das zu besinnen, was gut ist in ihrem Leben, hilft Marika jetzt durch die düstere Zeit. „Manchmal hab ich so richtig Bock zum Feiern und weiß, das ist unmöglich. Dann denke ich an meine tollen Freunde, meinen Partner und auch daran, dass es anderen Menschen viel schlechter geht. Und ich denk mir: Hab dich nicht so!“

Sie habe eben eine hohe Frustrationstoleranz. Wer mit Jugendlichen arbeitet, braucht die auch. „99 Prozent der Pläne, die ich mache, werden einfach von ihnen gesprengt“, bestätigt die junge Frau und lacht fröhlich. Das sei gar nicht schlimm, es drehe sich ja nicht um sie. Marika Schadwinkel würde es schon reichen, wenn die jungen Löninger irgendwann wieder in großer Zahl zum Jugendtreff strömen dürfen und dort eine „coole“ Leiterin auf sie wartet.


zum oberen Bild:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 26.02.2021.

zum zweiten Bild:
Treffleiterin schiebt keine ruhige Kugel. Seit dem vergangenen Jahr leitet Marika Schadwinkel den Löninger Jugendtreff. Die Arbeit ist während der Pandemie nicht einfach, doch die 24-Jährige hat die Zeit genutzt, um zu renovieren und Projekte zu entwickeln. Home-Office, das wäre nichts für sie, sagt Marika. „Ich brauche echte Kontakte.“ Foto: Meyer.

zum dritten Bild:
Büro statt Billard: Marika Schadwinkel nutzt den Lockdown, um die Pläne für das neue Jugendparlament zu vervollständigen. Foto: Meyer.


Quelle:
Münsterländische Tageszeitung vom 26.02.2021.