Presseberichte

Das „Werlter Loch“ wurde nie geschlossen

Lage des Alten Amtes Löningen im 19. Jahrhundert an Landesgrenze zum Königreich Preußen wirkt bis heute nach

von Willi Siemer


Wer heute den Begriff „Landesgrenze“ hört, denkt an die nationalen Grenzen zum Nachbarland, wo man vor dem „Schengener Abkommen“ zur EU-Freizügigkeit und aktuell aus Pandemie-Gründen kontrolliert wird und seinen Ausweis vorzeigen muss. Die Erinnerung daran, dass dieser Begriff in Löningen, Lindern und Essen einmal die Bezeichnung für die Grenze zu den Nachbarkommunen im Norden, im Westen und im Süden war, verblasst zunehmend und es gibt dafür kaum noch greifbare Zeugnisse.

Zu den wenigen Überbleibseln dieser Zeit gehören etwa zehn mindestens 1,50 Meter hohe quadratische Sandsteinblöcke, die als Grenzsteine die Grenze zwischen dem Herzogtum Oldenburg und dem Königreich Preußen markierten. Nach Angaben des Ehrenvorsitzenden des Löninger Heimatvereins, Uwe Kumpmann, stehen sieben an der früheren Landesgrenze von Löningen zu Westrum, Aselage, im Bereich des Hahnenmoorkanals und auch im Bereich der Radde zu den zum Königreich Preußen gehörenden Kommunen des Kreis Meppen und Bersenbrück.

Die strikte Trennungslinie der drei Kommunen des Alten Amtes Löningen zu den Nachbarn, die auch Konfessionsgrenzen waren, war auf dem Wiener Kongress nach der Niederlage Napoleon 1815 entstanden. Unter anderem gab es in früheren Zeiten Schmuggel und Zoll sowie vor allem große, bis heute nachwirkende Probleme beim Aufbau einer modernen Infrastruktur wie den Eisenbahnen.

Die beiden Kreise Cloppenburg und Vechta wurden Teil des Herzogtums Oldenburg, das heutige Emsland und auch der Landkreis Osnabrück wurden nach einem Intermezzo mit der Herrschaft des Herzogs Arenberg Teil des Königreichs Hannover.

Diese Zugehörigkeit prägte auch noch Jahrzehnte, nachdem das Königreich der Welfen mit der Niederlage im Preußisch-Österreichischen Krieg nach 1866 annektiert worden war, das Bewusstsein der Südoldenburger. In Essen stand mitten auf der Brücke beim Bauern Bottermann der Schlagbaum als Grenze zwischen dem „Hannoverschen und dem Oldenburger Land“, die Mühlenhase war ebenso Grenzfluss wie der Hahnenmoorkanal oder die Radde zwischen dem hannoverschen Wachtum und Löningen. So wurden erst mit einem Vertrag 1863 die Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Staaten beigelegt.

Noch 1913, fast 50 Jahre nach dem Untergang, ist in zeitgenössischen Dokumenten von der hannoverschen Gemeinde Menslage die Rede (vergl. Löningen in Vergangenheit und Gegenwart.) Diese damaligen Trennlinien wirken in zwei Punkten sogar bis heute nach: Das evangelische Stift Börstel an der Löninger Grenze ist immer noch Teil der hannoversche Landeskirche, zu einer Einweihung vor einigen Jahren kam die damalige Bischöfin Margot Käsmann als Hausherrin.

Auch heute noch gibt es diese Grenze zwischen den Pferdezuchtgebieten. Das Oldenburger Münsterland ist traditionell Hochburg der Oldenburger, das Artland Teil der noch staatlich organisierten Pferdezucht des Hannoverschen Verbands mit Ankum und früher Badbergen als Standorten der Staatsbeschäler.

Ebenfalls bis heute nachwirkende negative Folgen hatte die Landesgrenze, als Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnlinien als zentrales Element der wirtschaftlichen Entwicklung gebaut wurden. Zunächst Erfolg versprechende Planungen auch der Löninger für eine Bahn von Holland über Lingen, Haselünne, Löningen, Lastrup nach Cloppenburg zur Hauptlinie Wilhelmshaven-Osnabrück, scheiterten nach Angaben von Hans Werner Büsching und Elisabeth Fortmann (Ebd.) auch an preußischen und Oldenburger Interessen.

Immerhin gelang der Bau der sogenannten Sekundärbahn nach Essen als Zubringer in nur zwei Jahren. 1888 wurde sie eingeweiht und Löningen entwickelte sich bis in das 20. Jahrhundert hinein zur größten Verladestation von lebenden Schweinen ins Ruhrgebiet. Erst 1906 erteilte der preußische König die Konzession für den Lückenschluss zwischen Löningen und Herzlake zur Meppen-Haselünner Eisenbahn, und das obwohl die Haselünner Brauereien ein großes Interesse an den Anschluss an die Hauptbahn hatten.

Dieser Lückenschluss gelang beim Pingel-Anton in Lindern nicht. Das „Werlter Loch“ zwischen der emsländischen und der Cloppenburger Bahn wurde nieg eschlossen. Der Abgeordnete Feigel sagte dazu im Landtag, dass man mit fremden Völkern besser verhandeln könne, als mit dem Königreich Preußen.


zum oberen Bild:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 08.03.2021.

zum zweiten Bild:
Einer von wahrscheinlich noch zehn: An der Grenze zwischen Löningen und dem einst preußischen Weststrum (Gemeinde Herzlake) präsentieren Wilhelm Brundiers und Enkel Paul das 1,50 Meter hohe Überbleibsel am Hofrand. Links das O für Oldenburg, beim P für Preußen haben die Steinmetze den Bogen leider nur sehr schwach ausgearbeitet . Foto: Willi Siemer.

zum dritten Bild:
Grenzfluss Radde: Auch im Nordwesten grenzte Löningen als Teil des Herzogtums Oldenburg Jahrzehnte ans Königreich Hannover und danach ans Königreich Preußen. Wachtum war bis 1974 Teil des Emslandes, das nach 1815 an Hannover fiel. C: Heimatverein.


Quelle:
Münsterländische Tageszeitung vom 08.03.2021.