Presseberichte

Bunner will es einfach wissen

Atmosphärenphysiker Franz-Josef Lübken leitet Leibniz-Institut in Kühlungsborn

von Georg Meyer


Die Zahl der Spitzenforscher aus dem Oldenburger Münsterland ist überschaubar. Einer von ihnen ist Professor Franz-Josef Lübken. Der gebürtige Bunner leitet seit 1999 das Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn. Im Herbst geht der Direktor in den Ruhestand.

Die wissenschaftliche Karriere war dem Gastwirtssohn nicht gerade in die Wiege gelegt worden. Anfang der 1970er Jahre machten in Bunnen nur wenige das Abitur. Zu seinen ehemaligen Mitschülern hält Lübken bis heute Kontakt. „Wir waren der erste Jahrgang, der das Gymnasium komplett in Löningen besuchte,“ berichtet der 66-Jährige. Die Naturwissenschaften hatten es dem vielseitig interessierten Schüler schon früh angetan. Ihn beschäftigten die ganz großen Fragen. „Was hält die Welt zusammen und wie lässt sich das herausfinden? Ich wollte das einfach wissen.“ Die Forschung sei immer sein Traum gewesen, bekennt Lübken.

Nach Abi und Bundeswehr trampte der junge Bunner einige Monate lang durch die USA. „Das ging damals noch.“ Danach schrieb er sich für ein Physikstudium an der Uni Bonn ein, spezialisierte sich auf die Laserspektroskopie und promovierte 1985 mit dem Thema „Massenspektrometrische Untersuchungen in der unteren Thermosphäre“. Zwischendurch fand der Nachwuchsforscher Zeit, eine Familie zu gründen. Nach einem Gastjahr an der Universität Toronto kehrte Lübken zurück nach Bonn, habilitierte und erhielt 1994 seine erste Professur. Fünf Jahre später lockte ihn das Angebot des Leibniz-Instituts aus dem Rheinland an die Ostsee. Neben der Leitung des „IAP“ übernahm er auch den Physik-Lehrstuhl an der Uni Rostock.

Die Erdatmosphäre besteht aus fünf Schichten. Lübken hat es vor allem die mittlere angetan. Denn die physikalischen Vorgänge, die sich in zehn bis 120 Kilometern Höhe abspielen, sind der Wissenschaft in vielerlei Hinsicht noch immer ein Rätsel. Das Problem ist die Datenbeschaffung. „Für Ballons ist es dort zu hoch, für Satelliten nicht hoch genug“, erklärt der Professor das Dilemma. Die Wissenschaftler schießen ihre Messinstrumente deshalb mit Höhenforschungsraketen in den Äther. Die von der Bundeswehr ausgemusterten Flugkörper werden dafür umgebaut und nach Nordnorwegen verfrachtet, wo das Institut eine Forschungsstation unterhält. Hinter jedem Start steckt akribische Vorbereitung und oft jahrelange Arbeit. Der Flug selbst dauert nur wenige Minuten. Da sollte besser nichts schiefgehen. Für seine Messungen reiste Lübken sogar in die Antarktis. Vier Wochen dauerte der Trip ins ewige Eis. Danach ging es direkt wieder zurück an den Rand der Arktis. „Das macht auch nicht jeder“, schmunzelt der Wissenschaftler.

Eine andere Methode, Erkenntnisse über die Atmosphäre zu gewinnen, ist die „Lidar-Technik“. Sie sendet vom Boden aus Laserimpulse, die das aus der Atmosphäre zurückgestreute Licht detektieren. So lässt sich unter anderem die Konzentration von Spurengasen bestimmen. Das Institut ist weltweit führend bei der Entwicklung neuer Lidar-Systeme. „Ich denke, wir haben darin fünf bis zehn Jahre Vorsprung“, sagt Lübken.

Leibniz-Institute gehören ähnlich den Max Planck- oder Fraunhofer-Instituten zu den begehrten Forschungseinrichtungen, mit denen sich die Bundesländer gern schmücken. Was auch daran liegen mag, dass der Bund die Hälfte der Unterhaltungskosten übernimmt. Mit dem Beginn der Klimadebatte sei die öffentliche Aufmerksamkeit gestiegen, sagt Lübken. „Das tut uns als Einrichtung natürlich gut.“ Zwar sind die Kühlungsborner keine Meteorologen, das Wettergeschehen spielt sich in den tieferen Schichten ab. Trotzdem macht sich der Klimawandel auch in der Mesosphäre bemerkbar. Dort werde es jetzt kälter, weil immer mehr freigesetztes Kohlendioxid vom Boden aufsteige, erklärt Franz-Josef Lübken. An der Erderwärmung bestehe jedenfalls kein Zweifel. „Das haben zigtausend Messungen bewiesen.“ Wer etwas anderes behaupte, könne von der Wissenschaft nicht ernst genommen werden.

Auf den Forschungsstandort Deutschland lässt der Institutsdirektor nichts kommen. Er sei deutlich besser, als oft dargestellt, viel freier als anderswo ohnehin. Wer Grundlagenforschung zu einem Thema betreiben wolle, das nicht primär den wirtschaftlichen Nutzen im Blick habe, sei hierzulande richtig. Die Forschergemeinde ist ohnehin weltweit vernetzt. Mit vielen internationalen Kollegen ist Lübken eng befreundet. Zwar gebe es auch einen Konkurrenzdruck, allerdings sei der weniger stark, als in der Wirtschaft. Neue Kontakte entstehen vor allem bei Tagungen und auf Konferenzen. Lübken hat zahlreiche von ihnen mitorganisiert. Vom „Scientific Committee On Solar-Terrestrial Physics“, für das er sich seit vielen Jahren engagiert, erhielt er kürzlich eine Anerkennungsmedaille - als erster Deutscher, wie er nicht ohne Stolz erwähnt.

Lübkens großes Hobby ist die Musik, genau genommen der Jazz. Seine Eltern – die Mutter „Lissi“ hat gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert – hätten stets darauf geachtet, dass er und seine Geschwister ein Instrument erlernten. Er wählte das Klavier, gründete in Bonn seine erste Band und greift inzwischen für die ,Swingin’ Seagulls’ in die Tasten. Auch dabei stellt der Physiker hohe Ansprüche an sich selbst. „Außer mir besteht die Gruppe nur aus Profimusikern“. Ihn schreckt das nicht, er schreibt sogar die Arrangements. In der katholischen Kirche in Kühlungsborn ist er außerdem regelmäßig an der Orgel zu hören.

Seinen Glauben hat der naturwissenschaftliche Werdegang nicht erschüttert. Im Gegenteil: „Was mich an der Welt beeindruckt ist, dass alles so haargenau zusammenpasst. Ansonsten würden wir nicht existieren. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist ja eigentlich gleich null.“ Wissenschaftler könnten diese Dinge irgendwann vielleicht vollständig erklären - vielleicht aber auch nicht. „Zu glauben, dass das alles ein Zufall war, erscheint mir jedenfalls noch abenteuerlicher als der Gedanke an einen Schöpfer.“

Für Lübken ist jeder Tag, den er mit seiner Arbeit verbringt, ein Aufbruch ins Unbekannte. „Mein Beruf ist ein Privileg, das habe ich auch meiner Nachfolge gesagt.“ Im Herbst wird er seinen Lehrstuhl verlassen und die Institutsleitung abgeben. Geforscht wird trotzdem weiter. „Das Denken lässt sich ja nicht abstellen.“ Lübken ist an gleich mehreren Projekten beteiligt und begleitet Doktoranden. Mit ihnen zu arbeiten sei eine wahre Freude, sagt er. Was sie verbinde, sei der Drang nach Wissen. Und davon gebe es noch genug zu entdecken.


zum Bild:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 09.04.2021.


Quelle:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 09.04.2021.