Presseberichte

Erinnerungen an „beispielhafte“ Aufnahme

Vor 75 Jahren: Löninger Ortsteil Düenkamp erste Station für Familie Mitschke nach Vertreibung aus Oberschlesien

von Willi Siemer


Aus vielerlei Gründen war der Neuanfang für die Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nach 1945 nach der Westverschiebung Polens mit traumatischen Erlebnissen verbunden. Neben dem fast ausnahmslos zu beklagenden Tod von Familienangehörigen war es der Verlust des Besitzes, der Existenz, der Heimat und auch die großen Aufnahmeprobleme in der erzwungenen neuen Heimat. Außer den Umständen der Zwangseinquartierung spielte im urkatholisch geprägten Löningen die Konfession eine weitere entscheidende Rolle, denn es waren überwiegend Vertriebene evangelischen Glaubens, die die Trinitatis-Gemeinde von 200 auf 3200 Angehörige wachsen ließ.

Vermittelt durch den Düenkamper Reinhard Wehry hat der heute in Bad Bodenteich lebende 85-jährige Rudolf Mitschke, ein ehemaliger Verwaltungsleiter des dortigen Bundesgrenzschutzes, die Erinnerungen seiner evangelischen Familie aufgeschrieben und sie mit Fotos an die MT gesandt. Anlass ist ein Jubiläum, denn vor 75 Jahren, im Frühling 1946, war für die Großfamilie mit Vater und zehn Kindern zwischen vier und 18 Jahren ohne die im Juli 1945 an Hungertyphus gestorbene Mutter Löningen die „Endstation“ ihrer Vertreibung durch Polen aus Oberschlesien.

Nach der Ankunft einer ganzen Gruppe von Flüchtlingen mit dem Dampfzug am Bahnhof holte sie Landwirt Joseph (Jupp) Fleming mit dem Leiterwagen ab und brachte sie zu einem von den Mitschkes schnell „Villa zum grauen Elend“ getauften Heuerhaus ins rund acht Kilometer entfernte Düenkamp, das damals aus vier größeren Höfen der Familien J. Fleming, B. Wehry, Familie Kramer, Familie Kasum und einer Gaststätte mit Landwirtschaft bestand. Außerdem gab es neben der eigenen Kate noch fünf Heuerhäuser.

Auch im Namen seiner Geschwister, die wie er 1997 gerne der Einladung der Düenkamper zur 100-Jahr-Feier gefolgt sind, schreibt Mitschke unter anderem in seinem Resumee: „In der relativ kurzen Zeit, die wir in Düenkamp verbrachten, haben wir uns dort sehr schnell sehr wohl gefühlt. Das tägliche, harmonische Miteinander war einmalig und beispielhaft. Vielleicht hat dazu auch beigetragen, dass unsere Familie aus einem ländlichen Umfeld stammte“.

Vor allem aber bedankt sich Mitschke bei den damaligen Dorfbewohnern für die Bereitschaft „bei der Eingliederung in die kleine Dorfgemeinschaft vorbehaltlos zu helfen und auch für die Versorgung mit Lebensmitteln“.

„Wir Kinder hatten alsbald guten Kontakt zu Flemings Töchtern Anni und Josi und über sie zu weiteren Kindern im Dorf. Man traf sich im Dorf, beim Baden in der Hase, zu anderen Spielen oder half gemeinsam bei Hofarbeiten. Der gemeinsame Schulbesuch förderte die gewollte Gemeinsamkeit“, erzählt Mitschke. Anfängliche Hindernisse waren die rasch zumindest durch den Umgang verstandene plattdeutsche Sprache und die Holzschuhe und die damit verbundenen aufgeschlagenen Innenknöchel, die für etwas breitbeiniges Gehen sorgte. Das von der Familie in drei Gruppen verdiente Geld in der Kartoffelernte wurde für warme Winterbekleidung ausgegeben.

„Nach relativ kurzer Zeit waren wir bei den Dorfbewohnern gut angesehen. Ein wesentlicher Beitrag für die schnelle Eingewöhnung waren auch die Bekannt-/Freundschaften unserer älteren Geschwister“, erinnert sich der ehemalige Düenkamper. Über die Liebe zwischen Bruder Walter und Maria vom Kramer Hof sei aber wegen der unterschiedlichen Konfessionen und der damaligen Unvorstellbarkeit für Zukunftspläne vorerst nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen worden: „Doch beide haben im Sinne aller Beteiligten einen Weg gefunden, der ihnen eine kirchliche Eheschließung ermöglichte“.

Viele Flüchtlinge verließen wegen fehlender beruflicher Perspektiven Südoldenburg wieder: Walter Mitschke bekam einen Job im Bergbau und zog mit seiner Maria nach Duisburg. Otto Scherbarth und Ruth Mitschke zogen nach Düsseldorf und die Mitschkes selbst für die neue Arbeit des Vaters ins Ammerland.


zum oberen Bild:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 21.04.2021.

zum zweiten Bild:
Fast vollständig erschienen: Zum Jubiläum 100 Jahre Düenkamp 1997 war auch die Familie Mitschke eingeladen. Rechts Karsten Fleming, der einen Diavortrag hielt. Fünfter von links ist der Autor Rudolf Mitschke. Foto: Mitschke.

zum dritten Bild:
Erste Station: Nach der Vertreibung aus Oberschlesien landete die Großfamilie Mitschke mit zehn Kindern im Löninger Ortsteil Düenkamp in der von ihnen so genannten „Villa zum grauen Elend“. Foto: Mitschke.

zum vierten Bild:
Sommer 1952: Vor dem Hof Wehry entstand dieses Foto, das Angehörige der Mitschkes und Einheimische zeigt. Hintere Reihe von links Anni Fleming mit Kind, Thea Wehry. Vorne links Josi Fleming. Foto: Mitschke.


Quelle:
Münsterländische Tageszeitung vom 21.04.2021.