Presseberichte

„Will den Toten ihre Identität wiedergeben“

Im Internet erfolgreich: Josef Ramler hat die Personalkarten der Toten des russischen Soldatenfriedhofs gesammelt

von Willi Siemer


„Ich will den Toten ihre Identität zurückgeben“: Seit einigen Jahren beschäftigt sich Josef Ramler intensiv mit den persönlichen Schicksalen der 107 namentlich bekannten Toten des russischen Soldatenfriedhofs im Löninger Ortsteil Helmighausen (die MT berichtete). Er wird am Dienstag, wenn an den Gräbern in einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Überfalls von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion erinnert wird, einer der Ehrengäste sein.

Der Malermeister hat als „erster Nachbar“ zeitlebens ein besonderes Verhältnis zu diesem Ort. Seit Jahrzehnten pflegen er und die Nachbarn am Dorfrand die Anlage, haben sich vor einigen Jahren für eine Schutzhütte in der Dorferneuerung eingesetzt und legen beim Straßenfest stets einen Blumenstrauß am orthodoxen Kreuz nieder.

Dieser Ort – nur gut 100 Meter von seinem Wohnhaus entfernt – sei ihm so vertraut, dass er mehr über das Schicksal der jungen Russen habe erfahren wollen, deren kurzes Leben hier auf grausame Weise endete.

„Ich wollte mehr von ihnen wissen, wer sie waren, woher sie kamen, und sie damit als Menschen und Opfer eines schlimmen Krieges zeigen“, erzählt der stellvertretende Löninger Bürgermeister. Entgegen früheren Annahmen, dass es nur die Namen und Sterbedaten im Archiv der Stadt gibt, ist es Ramler vor einigen Jahren gelungen, mit den Personalkarten der Gefangenen wichtige Erkenntnisse zu gewinnen.

Nachdem er im internetbasierten Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) im hessischen Bad Arolsen , das die Nazi-Verfolgung, NS-Zwangsarbeit und den Holocaust dokumentiert und erforscht, die Namenslisten aller 530 in vier Lagern in Löningen zusammengepferchten Kriegsgefangenen gefunden hat, gelang ihm danach ein weiterer Recherche-Erfolg.

So stieß er beim Suchen im Internet auf die Personalkarten der Gefangenen. Er hatte eigens dafür einmal an einem Russisch-Grundkurs teilgenommen, daher komme er auf diesen Seiten ganz gut klar, erläutert der Hobby-Forscher.

Die Unterlagen hatte die Militärbürokratie mit pervers zu nennender deutscher Gründlichkeit im zuständigen Stammlager XC Wietzendorf geführt. Sie waren nach dem Krieg an die UdSSR übergeben worden, in den vergangenen Jahren wurden sie digitalisiert und veröffentlicht, um auch den Familien bei der Suche nach ihren Angehörigen zu helfen. In den Dokumenten sind Name, Geburtsdatum, Gefangenen-Erkennungsnummer, Tag und Ort der Gefangennahme, Beruf und Heimatort verzeichnet.

Fast alle 530 Löninger Gefangenen wurde bereits in den ersten Tagen des Überfalls im Sommer 1941, als die vorrückende Wehrmacht hunderttausende Gefangene machte, festgesetzt. Vermerkt ist auch, wie die Gefangenen zu Tode kamen. Ein Beispiel für die deutsche Grausamkeit gegenüber den von der Nazi-Ideologie als „Untermenschen“ bezeichneten Gefangenen ist durch die Überlieferungen und von Heimatforscher Manfred Boog recherchierte Geschichte der Brüder Emeljanov.

Bruder Dimitri wurde am 29. Januar 1942 getötet, sein Bruder Andrej starb nur vier Tages später. Der eine wurde erschossen, als er sich eine Rübe holen wollte, die abseits auf einem Feldweg lag. Als sein Bruder zu ihm lief, wurde ebenfalls auf ihn gefeuert, er starb vier Tage später.

Der erste junge Russe starb in Löningen am 25. Mai 1941. Einer der Letzten – nach den Unterlagen – war ein junger Pole mit Namen Mathäus Jankowski am 21. Februar 1945. Die Todesliste beschließen zwei junge Russen, die am 2. April einem Tieffliegerangriff der Alliierten zum Opfer fielen.

Auf dem Friedhof gibt es 107 Gedenktafeln. Nach den Unterlagen sind jedoch 123 Kriegsgefangene aus dem Raum Löningen hier beerdigt, auf ihren Personalkarten ist vermerkt, dass sie in Helmighausen beerdigt wurden. Zu ihnen gehört auch Alwin Moklokow, der am 8. September 1941 wegen Arbeitsverweigerung erschossen wurde. Häufigste Todesursache sind Typhus, Herzschwäche oder Darmkatarrh. Auch „vom Zug überfahren“ taucht als Ursache auf.


zum Bild:
Bericht der Münsterländischen Tageszeitung vom 21.06.2021.


Quelle:
Münsterländische Tageszeitung vom 21.06.2021.